Vorwort (25. Januar 2026): Ich habe diesen Artikel im August 2018 für die Mitgliedszeitschrift der Burschenschaft Alemannia Stuttgart verfasst.
Im letzten Jahr erstand ich auf einem Flohmarkt in Stuttgart-Ost gebraucht das Buch „Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus“ von Roland Müller. Das Thema interessiert mich und das Geleitwort des zum Zeitpunkt der Veröffentlichung amtierenen Oberbürgermeisters Manfred Rommel ließ mich auf eine lehrreiche Lektüre hoffen.

Zu Hause angekommen, blätterte ich in dem knapp 700-Seiten-Schmöker, und da fiel mir sogleich zufällig ein Bild ins Auge. „Das ist doch die Uhlandshöhe“, dachte ich mir, aber dann doch wieder nicht. Die Bildbeschreibung und der zugehörige Text klärten mich auf:
Stuttgart erhielt am 11. September 1936 den NS-Ehrentitel „Stadt der Auslandsdeutschen“. Wikipedia: „Diese Beinamen konnten auf eine besondere Bedeutung der Stadt für die Entwicklung des Nationalsozialismus verweisen oder auf die historische Bedeutung der Stadt hindeuten.“ Aus heutiger Sicht naheliegender dürfte ein solcher Ehrentitel für die Städte Nürnberg („Stadt der Reichsparteitage“) und München („Hauptstadt der Bewegung“) sein. Der Ehrentitel Stuttgarts kommt daher, da hier das Deutsche Ausland-Institut (DAI) ansässig war. Seine Hauptaufgabe war die Dokumentation aller deutschen Volksgruppen im Ausland. (Heute gibt es übrigens eine Nachfolgeinstitution, das Institut für Auslandsbeziehungen, untergebracht im selben Gebäude wie das Cafe Planie zwischen Karlsplatz und Charlottenplatz) Der Oberbürgermeister Stuttgart von 1933 bis 1945, Karl Strölin, war Vorsitzendes des DAI und forcierte in Berlin die Verleihung des Ehrentitels. Mit involviert war auch Paul Bonatz, den Stuttgarter bestens bekannt als Erbauer des Stuttgarter Haupbahnhofs.

Im Folgenden gebe ich die relevanten Textstellen aus dem Buch wider (S. 355-358):
„Neugestaltung der Stadt der Auslandsdeutschen
Mitten im Kriege, als das Bauen auf den Luftschutz und wenige kriegswichtige Notwendigkeiten beschränkt war, legte das Stadtplanungsamt eine Denkschrift über die „Neugestaltung der Stadt der Auslandsdeutschen Stuttgart“ vor. Eine Umgestaltung der Innenstadt war schon vor dem Krieg erörtert worden. Sie sollte die Stadt der Motorisierung anpassen und durch repräsentative Gebäude dem „Stil der neuen Zeit“ sichtbaren Ausdruck verleihen.
Strölin hatte sich entgegen einem Erlaß des Reichsinnenministers mit Reichsstatthalter Murr auf eine Fortsetzung der Planungen verständigt. Die aktuellen Probleme schufen laut Strölin die Voraussetzungen, um »in aller Ruhe und mit der gebotenen Gründlichkeit“ in ein Planungsstadium einzutreten. Im Frühjahr 1939 beauftragte er Baudirektor Ströbel vom Stadtplanungsamt, sich ausschließlich der Arbeit an den Umgestaltungsplänen zu widmen. Die völlig veränderten Bedingungen für die kommunale Verwaltung nach Kriegsbeginn unterbrachen diese Arbeit. Doch nach dem siegreichen Ausgang des Westfeldzugs schien Strölin ein Neubeginn geboten, um den äußeren Erfolgen sichtbaren Ausdruck zu verleihen: „Im Hinblick auf die günstige Entwicklung der Kriegslage ist es nunmehr an der Zeit, die Fragen der Umgestaltung der Innenstadt von Stuttgart wieder tatkräftig aufzunehmen. “ Stadtrat Schwarz hatte als Technischer Referent die Gesamtleitung, die Sachbearbeitung oblag Ströbel.
Der Sieg im Westen leitete auf höchster Ebene eine neue Planungsphase ein. Von irgendwelchen Stuttgarter Plänen wußte man in Berlin allerdings nichts. Dies war angesichts des Engagements der Stadtverwaltung zum Beispiel in auslandsdeutschen Angelegenheiten doch einigermaßen erstaunlich. In einem Bericht Speers vom Februar 1941 hieß es lediglich: „Erste städtebauliche Ideen vor Jahren vorgetragen, aber seitdem keine weitere Kenntnis erhalten.“ Dabei hatte die Stadt im Mai 1940 neue Gutachten in Auftrag gegeben und Architekten und Verkehrsplaner, darunter die Professoren Wetzel, Tiedje, Pirath und Alker, eingeladen. Die Gutachter näherten sich in unterschiedlich intensiver Weise den offiziösen Vorstellungen Hitlers an. Dieser hatte für die Neugestaltung von Gauhauptstädten die Errichtung eines Gauforums mit den Parteibauten, einem Kundgebungsplatz und einem Glockenturm gefordert: Die Stadt war mit den Gutachten, die im Sommer 1941 vorlagen, nicht voll zufrieden. Besonders umstritten waren der Standort des Gauforums und eine etwaige Verlegung des Hauptbahnhofs nach Cannstatt, um die bebaubare Fläche in der Innenstadt entscheidend zu vergrößern.
Strölin bat seinen Gewährsmann Bonatz um eine zusammenfassende Beurteilung. Dieser wollte (den von ihm geplanten) Hauptbahnhof an seinem Standort belassen und die Uhlandshöhe mit dem Gauforum bekrönen. Bonatz schrieb von einem vollem Erfolg seiner Vorschläge bei der Stadt als Ergebnis einer dreißigjährigen Arbeit. Zugleich attackierte er Speers „babylonische“ Vorhaben in Berlin und München. Diese Richtung habe in Stuttgart Alker vertreten, der mit seiner „öden Achse“ aber nicht zum Zuge gekommen sei. Nun mußte der Entwurf, wie Bonatz wußte, „noch beim Gauleiter durchgekämpft werden“. In dieser Auseinandersetzung mit Murr schlug die Geburtsstunde besagter Denkschrift, als sich das Stadtplanungsamt bereit erklärte, „in verschiedenen Großfotos das Gauforum“ in seinen Varianten darzustellen. Murr hatte nämlich gegen die Uhlandshöhe votiert; nachdem das Rundfunkgebäude auf der Karlshöhe und das Generalkommando auf dem Weißenhof vorgesehen waren, hielt er es für falsch, „auf alle Höhen solche monumentalen Gebäude zu stellen.

Erst im Sommer 1942 war die Denkschrift schließlich fertig. Sie war nicht Ausdruck städtischer Vorstellungen, sondern zusammenfassendes Resultat einer jahrelangen Diskussion. Ziel sei es, so das Vorwort, „nach den Grundgedanken der nationalsozialistischen Weltanschauung die Bauten der Gemeinschaft zum herrschenden Element der städtebaulichen Gestaltung zu machen“. Eine Verwirklichung dieses Vorsatzes hätte eine Abkehr von der bisherigen Baupolitik bedeutet. Einleitende Bemerkungen über das „Raumproblem in der Großstadt“, über die Verkehrsprobleme und die „städtebauliche Neugestaltung der Stadt Stuttgart“ waren knapp und allgemein gehalten. Die Raum- und Verkehrsprobleme, so hieß es weiter, ließen sich ohne Zwang großzügig lösen. Angesichts der komplizierten Verhältnisse, die bei der mehrjährigen
Debatte zutage getreten waren, bedeutete diese Formulierung einen propagandistischen Euphemismus.
Analog zu den früheren Verhandlungen wurde zunächst eine Verlegung des Hauptbahnhofs erörtert. Sie sei wünschenswert, im Augenblick aber nicht zu realisieren; mit einer Teilverlegung sei jedoch nichts gewonnen. Ziel der Verkehrsplanung sei die Schaffung eines leistungsfähigen Innenstadtrings mit einer geeigneten Verbindung zu den Ausfallstraßen und zur Reichsautobahn. Auf der Ostseite des Talkessels genüge die Neckarstraße den Bedürfnissen, nachdem mit dem Durchbruch an der Holzstraße die südliche Erweiterung in die Wege geleitet worden war. Auf der Westseite sah der Plan einen Durchbruch der Roten Straße vor, die auf 40 Meter verbreitert werden sollte. Die Königstraße als mittlere Verkehrsachse in der Innenstadt sollte entlastet werden. Größere Schwierigkeiten warfen die Querverbindungen auf. Die südliche Tangente Gartenstraße-Wilhelmsplatz war zu eng, angeregt wurde daher ein Durchbruch bei der Ernst-Weinstein-(Sophien-)Straße. Die mittlere Verbindung von der Adolf-Hitler-Straße (Planie) zur Schloßstraße schien den Planern „angesichts der vielen im Wege stehenden öffentlichen Gebäude: des Prinzenbaues, des Neubaues der Deutschen Arbeitsfront, des Landesgewerbemuseums und der Gebäude am Stadtgarten kaum zu verbessern“ Der überlastete Knotenpunkt vor dem Hauptbahnhof sei nur mittels einer Unterführung zu entwirren. Als Ausfallstraßen kamen nach Osten der im Bau befindliche Wagenburg-Tunnel und nach Westen ein neuer Kräherwald-Tunnel vom Hölderlinplatz aus in Frage. Zusätzlich war in die Denkschrift die von Bonatz vorgeschlagene Parkstraße durch den Rosensteinpark „ähnlich der Ost-West-Achse in Berlin“ aufgenommen. Sie sollte von den Cannstatter Kuranlagen bis zum Neuen Schloß führen und war als Parkstraße mit den großen Achsen überhaupt nicht zu vergleichen. Die Stadtverwaltung lehnte diese Parkstraße, die die letzte größere innerstädtische Grünfläche zerschnitt, ab. In die Denkschrift war sie als Ehrenbezeigung gegenüber Bonatz aufgenommen worden, der seinerseits mit dieser Straße dokumentiert hatte, wie wenig er von den großen Achsen eines Speer hielt. Der Anregung von Schwarz folgend sollten die Hauptlinien der Straßenbahnen auf Schnellverkehr
und die Linie vom Südheimer Platz bis nach Bad Cannstatt als U-Bahn geführt werden. Auch die Stadtbahn-Schleife war in der Denkschrift erwähnt: „Stadtbahn und Längs-U-Bahn aber werden diejenigen Verkehrsmittel sein, welche in der Lage sind, den Verkehrsanforderungen für alle Zeiten gerecht zu werden.

Der zweite Teil der Denkschrift widmete sich der städtebaulichen Neugestaltung. An erster Stelle stand das Gauforum. Neben dem Standort auf der Uhlandshöhe wurden das Bollwerk sowie — bei einer Verlegung des Hauptbahnhofs — das Rosensteingelände vorgestellt. Die Stadt favorisierte die Uhlandshöhe. Während ein „Stadtforum“ mit dem Rathausneubau im Bohnenviertel plaziert war, hingen die Standorte für die übrigen repräsentativen Bauten entscheidend vom Gauforum ab. Entlang der Neckarstraße war die Kulturmeile vorgesehen; Murrs Wunsch nach einem Haus der Musik fand hier Berücksichtigung. Während die Pläne für ein Generalkommando und ein Rundfunkgebäude sich im Planungsstadium befanden, deutete die Denkschrift weitere Großbauten — Ausstellungsräume beim Stadtgarten, eine neue Stadthalle an der Neckarstraße sowie eine Fülle öffentlicher Gebäude, an der Spitze Neubauten der Technischen Hochschule und einer Ingenieur-Offiziers-Akademie — lediglich an. „So wünschenswert und notwendig die Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse auch sein mögen, so muß man sich doch darüber vollkommen im klaren sein, daß die Bekämpfung der Wohnungsnot die erste und vordringlichste Bauaufgabe nach dem Kriege darstellen wird.(…) Wenn diese große Aufgabe des sozialen Wohnungsbaues nach dem Kriege gelöst sein wird, dann werden zweifellos die Verkehrssanierungen in der Innenstadt an erster Stelle der durchzuführenden Neugestaltungsmaßnahmen stehen.“
Gemessen am Verlauf der jahrelangen Diskussion war dies die Prioritätenliste der Stadtverwaltung. Murr, dem die Denkschrift gewidmet, vor allem aber zur endgültigen Entscheidung vorgelegt wurde, gab seine Wünsche nicht bekannt. Lediglich vom Innen- und Wirtschaftsminister erfolgte eine beiläufige Reaktion. Er fand Inhalt und Darstellung „sehr interessant“, vermißte jedoch eine großzügige Lösung der Markt-
halle. Der romantische Marktbetrieb passe nicht zu einer Großstadt, befand Schmid, und schlug eine Großhalle beim Vieh- und Schlachthof sowie dezentralisierte kleinere Hallen vor. Wenngleich die Stadtverwaltung dem Wohnungsbau Vorrang einräumte und die Gesamtplanung auf Jahrzehnte angelegt war, so drohte Stuttgart doch eine rasche Umgestaltung als „Ausdruck nationalsozialistischer Weltanschauung“. Die Zukunft der Neugestaltungspläne war 1942 allerdings höchst ungewiß. Strölin notierte resigniert: „Die Denkschrift für die Neugestaltung der Stadt Stuttgart ist nun nach unendlichen
Schwierigkeiten endlich fertig. Aber die Probleme, die wir damals erörtert haben, scheinen nun in so weite Ferne gerückt, daß man den Eindruck hat, die ganze Arbeit ist umsonst gemacht.“
Interessante Entwicklungen, die so zumindest auf der Uhlandshöhe glücklicherweise nicht Realität wurden. Was die Forderungen nach radikalen Umbauten in der Innenstadt anbelangt, wurden sie in anderer Form nach Bombenkrieg und Ideologie der autofreundlichen Stadt leider auf ganz bedrückende Weise verwirklicht.